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Constantius II.
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Constantius II. (altgriechisch ÎÏΜÏÏÎŹÎœÏÎčÎżÏ Îâ KĆnstĂĄntios, mit vollstĂ€ndigem römischem Namen Flavius Iulius Constantius; * 7. August 317 in Illyrien, wahrscheinlich in Sirmium; â 3. November 361 in Mopsukrene/Kilikien) war ein Sohn Konstantins des GroĂen und nach dessen Tod ab 337 Kaiser im Osten des Römischen Reiches. In den anderen Reichsteilen waren zunĂ€chst zwei seiner BrĂŒder Kaiser geworden; seit 353 war er nach ihrem Tod und der gewaltsamen Beseitigung eines Usurpators einziger Augustus im gesamten Römischen Reich. Nach seinem Tod 361 ging die Macht an seinen Vetter Julian ĂŒber, der seit 355 als Caesar (Unterkaiser) Gallien regiert, 360 aber eine Usurpation betrieben hatte.
Seine Regierungszeit war von einem andauernden Abwehrkampf an den Grenzen geprĂ€gt, wĂ€hrend es im Inneren wiederholt zu BĂŒrgerkriegen kam. Auch im Bereich der Religionspolitik ergaben sich ernsthafte Probleme, die er nicht dauerhaft lösen konnte. In den zeitgenössischen Quellen wird er oft als eher âschwacher Kaiserâ beurteilt, wohingegen die moderne Forschung auch seine Leistungen hervorhebt und vor allem seine Religionspolitik als historisch folgenreich bewertet, da er die Christianisierung entschlossen vorantrieb.
Contents
âą Leben
âą Religionspolitik
âą Bewertung
âą Quellen
âą Literatur
âą Weblinks
âą Anmerkungen
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Zeitgeschichtlicher Hintergrund
Das Römische Reich durchlief zu Beginn des 4. Jahrhunderts einen tiefgreifenden Wandel. Constantiusâ Vater Konstantin der GroĂe hatte sich in den NachfolgekĂ€mpfen, die mit dem Ende der von Kaiser Diokletian begrĂŒndeten Tetrarchie im Jahr 306 ausbrachen, bis 324 als Alleinherrscher durchgesetzt und so die konstantinische Dynastie begrĂŒndet, die bis 363 herrschen sollte. Bedeutsam war Konstantins Regierungszeit vor allem aus zwei GrĂŒnden: Zum einen verlagerte er die Zentralmacht mit der neuen Hauptstadt Konstantinopel in den Ostteil des Reiches, der ohnehin immer mehr an Bedeutung gewonnen hatte. Zum anderen förderte er das Christentum und leitete somit die Christianisierung des Römischen Reiches ein (die sogenannte konstantinische Wende). Auch wenn die traditionellen Götterkulte â von EinzelfĂ€llen wie dem mit Tempelprostitution verbundenen Aphrodite-Astarte-Kult in Aphaka und Heliopolis abgesehen â nicht abgeschafft wurden, wurden ihnen doch Privilegien entzogen, wodurch sie zunehmend an Kraft und Einfluss verloren.
Konstantin hatte sich nicht zuletzt aus auĂenpolitischen ErwĂ€gungen fĂŒr die neue Residenz entschieden, denn Konstantinopel lag etwa gleich weit entfernt von den bedrohten Grenzen des Reiches an Donau und Euphrat. WĂ€hrend jedoch an der Donau die Lage am Vorabend von Hunnensturm und Völkerwanderung noch weitgehend gesichert war, blieb die Lage im Osten gefĂ€hrlich, da die persischen Sassaniden nach einem unruhigen Frieden gegen Ende der Regierungszeit Konstantins unter Schapur II. wieder in die Offensive gingen. Konstantin selbst hatte noch einen Persienfeldzug geplant, der nur durch seinen Tod verhindert worden war. Sowohl die Bedrohung durch die Perser als auch ungelöste religiöse Fragen â vor allem die Frage nach dem âWesenâ Christi (arianischer Streit) â sollten Constantius II. wĂ€hrend seiner gesamten Regierungszeit beschĂ€ftigen. Er residierte in der Regel nicht in Konstantinopel, sondern in Antiochia am Orontes.
Leben
Jugend und Aufstieg zum Augustus des Ostens
Constantius wurde im Jahr 317 als Sohn Konstantins I. und seiner Frau Fausta geboren. Seine Geschwister waren die spĂ€teren Kaiser Konstantin II. und Constans sowie die beiden MĂ€dchen Helena und Constantina. Constantius wurde am 8. November 324 (nach epigraphischen Zeugnissen am 13. November), im Alter von sieben Jahren, von seinem Vater zum Caesar (Unterkaiser) ernannt und wohl mit der Verwaltung des östlichen Reichsteils betraut. Aufgrund seines jugendlichen Alters konnte Constantius diese Position jedoch zunĂ€chst nicht ausfĂŒllen. Zudem verfĂŒgte er anders als spĂ€tere Kindkaiser noch nicht ĂŒber einen eigenen Hof. Ăber seine Kindheit und Erziehung ist fast nichts bekannt. Entscheidend war, dass er wie seine BrĂŒder christlich erzogen wurde. Zeit seines Lebens sollte dies Constantiusâ Handlungen prĂ€gen. Ăberschattet wurden diese Jahre durch die Ereignisse von 326, als Kaiser Konstantin seine Frau Fausta und seinen Sohn Crispus, der einer frĂŒheren Verbindung entstammte, unter bis heute nicht eindeutig geklĂ€rten UmstĂ€nden umbringen lieĂ. 335 heiratete Constantius eine Tochter seines Onkels Julius Constantius.
Nach Konstantins Tod am Pfingstfest 337 kam es zu einer Reihe von Morden: MilitĂ€rs töteten mehrere Mitglieder der konstantinischen Familie, sodass am Ende nur die Söhne des verstorbenen Kaisers sowie deren Verwandte Constantius Gallus und Julian (letztere hatte man aufgrund ihrer Jugend verschont) ĂŒbrig blieben.cite-ref-2[2] Die HintergrĂŒnde der Tat sind aufgrund der problematischen Quellenlage nicht eindeutig zu klĂ€ren. So ist unklar, ob die MilitĂ€rs in âvorausschauender Weiseâ selbststĂ€ndig handelten, oder ob sie von den Söhnen Konstantins dazu aufgefordert worden waren. Viele Forscher haben in der Person des Constantius den Hauptschuldigen ausgemacht, doch ist dies nicht unumstritten und wohl eher dem schlechten Leumund Constantiusâ in den Quellen, die vielfach ihn fĂŒr die Morde verantwortlich machen, anzulasten.cite-ref-3[3] 337 oder Anfang 338 nahmen die drei BrĂŒder Konstantin II., Constans und Constantius II. auf der Konferenz von Viminacium den Augustustitel an und teilten sich von nun an die Herrschaft.
Constantius erhielt den östlichen Reichsteil, wobei die ehemals von seinem ermordeten Vetter Dalmatius verwaltete Balkanhalbinsel an Constans fiel, der mit Konstantin II. den westlichen Teil des Reiches regierte. Jeder der drei Kaiser verfĂŒgte ĂŒber einen Teil des Feldheeres mit separaten magistri militum (âHeermeisternâ). Von Anfang an war die Hierarchie zwischen den BrĂŒdern umstritten. Konstantin II. starb daher bereits 340 im Kampf gegen Constans, der nun den gesamten Westen kontrollierte, Thrakien mit Konstantinopel aber 339 an Constantius abgetreten hatte. Bald kam es auch zu Spannungen zwischen Constans und Constantius. Diese verstĂ€rkten sich noch, als Constans gegen die Arianer vorging (die Constantius begĂŒnstigte) und sich offen auf die Seite des Athanasios in diesem religiösen Konflikt stellte (siehe unten). Dennoch kam es nicht zu einer militĂ€rischen Konfrontation. 346 versöhnten sich die beiden BrĂŒder offiziell, Athanasios kehrte aus seinem Exil im Westen wieder nach Alexandria zurĂŒck. Auf eine einheitliche Bekenntnisformel fĂŒr die Reichskirche konnte man sich jedoch weiterhin nicht einigen.cite-ref-4[4]
Die Usurpation des Magnentius und der erste Perserkrieg des Constantius
Constans selbst fiel 350 dem Usurpator Magnentius zum Opfer, der sich in Gallien erhoben hatte. Constans hatte sich offenbar mit seiner Religionspolitik und durch seinen ungeschickten Umgang mit dem Heer unbeliebt gemacht, sodass eine Gruppe seiner Hofbeamten gegen ihn intrigierte. Constansâ Schatzmeister Marcellinus hatte im Januar 350 wĂ€hrend eines Festmahls Magnentius, einen hohen Gardeoffizier germanischer Abstammung, in einem offenbar geplanten Akt den versammelten Offizieren des gallischen Heeres als neuen Kaiser vorgestellt. Diese stimmten schlieĂlich begeistert zu.cite-ref-5[5] Constans wurde kurz darauf ermordet und Magnentius fiel der Westen des Reiches faktisch ohne Kampf zu. Magnentius, der selbst Heide war, erlaubte wieder nĂ€chtliche Opferungen. Bei den Christen machte er sich durch die UnterstĂŒtzung der NicĂ€aner beliebt, die schon Constans favorisiert hatte.
Constantius blieb nichts anderes ĂŒbrig, als Magnentius vorerst gewĂ€hren zu lassen, zumal diesem wenigstens der Balkanraum verwehrt blieb. Dort nĂ€mlich war der greise General Vetranio zum Augustus ausgerufen worden. Im Hintergrund hatte Constantiusâ Schwester Constantina die FĂ€den gezogen: Da die Zeit drĂ€ngte, glaubte sie mit diesem Schritt Magnentius den Zugriff auf die kampferprobte Donauarmee zu verwehren. Constantina versicherte ihrem Bruder zudem, Vetranio sei leicht zu manipulieren und es gehe von ihm keine Gefahr aus,cite-ref-6[6] womit sie recht behalten sollte. Bereits 348 hatte Constantius auĂerdem eine Gruppe christlicher Goten unter Wulfila aufgenommen, was auch eine StĂ€rkung der militĂ€rischen KrĂ€fte fĂŒr das Imperium bedeutete. Constantius konnte sich den Angelegenheiten im Westen vorerst jedoch nicht zuwenden, da er weiterhin im Osten gebunden war.
Dort blieb wĂ€hrend der gesamten Regierungszeit des Constantius das persische Sassanidenreich unter Schapur II. ein ernstzunehmender Gegner (vgl. dazu Römisch-Persische Kriege). Constantiusâ Vater Konstantin der GroĂe hatte noch kurz vor seinem Tod einen Feldzug gegen die Sassaniden geplant. Schapur eröffnete 337/38 die Kampfhandlungen und drang in Armenien ein, wo es wohl zu internen MachtkĂ€mpfen gekommen war, die der GroĂkönig ausnutzen konnte. Armenische Truppen beteiligten sich auch an den folgenden persischen Offensiven. SchlieĂlich gelang es Constantius jedoch, den armenischen König Arsakes II., den Schapur zunĂ€chst vertrieben hatte, fĂŒr sich zu gewinnen. Damit konnte er auch Armenien wieder auf einen pro-römischen Kurs bringen.
Die Hauptkampfhandlungen zwischen Römern und Persern fanden jedoch in Mesopotamien statt, wo das insgesamt dreimal belagerte Nisibis (338, 346 und 350) von den Römern entsetzt werden konnte. Constantius betrieb eine eher defensive Strategie, die wohl letztendlich auf einen Abnutzungseffekt setzte: die Perser sollten sich an dem römischen Festungsring brechen, der die Orientprovinzen Roms abschirmte. Wenigstens einmal kam es jedoch zu einem römischen VorstoĂ auf persisches Gebiet. Constantius setzte nun auch gotische VerbĂ€nde sowie nach persischem Vorbild gepanzerte Reiterei (Kataphraktoi) ein. Die einzige gröĂere Kampfhandlung fand bei Singara statt, wo die Römer unter dem Kommando des Constantius im letzten Moment schwere Verluste erleiden mussten. Das genaue Datum der Schlacht, welche den Höhepunkt des ersten Perserkriegs Constantiusâ darstellte und in der auch ein persischer Prinz fiel, war aufgrund von divergierenden Quellenaussagen in der Forschung lange Zeit umstritten; sie wird aber eher 344 als 348 stattgefunden haben.cite-ref-7[7] Dennoch konnte der Kaiser mit seiner Strategie die Grenze weitgehend halten. ErwĂ€hnenswert ist die anonyme Schrift mit dem Titel Itinerarium Alexandri, deren Zweck es war, Constantius zum siegreichen Kampf gegen die Perser zu ermutigen.
Die Erringung der Alleinherrschaft
Die Perser hatten um 350 selbst an ihrer Ostgrenze mit den Chioniten zu kĂ€mpfen, weshalb Schapur die Kampfhandlungen gegen Rom vorerst abbrach. Constantius setzte 351 mit Constantius Gallus einen seiner letzten verbliebenen Verwandten als Unterkaiser im Osten ein; zusĂ€tzlich vermĂ€hlte er Gallus mit seiner Schwester Constantina, von der bereits die Rede war. Constantius selbst wollte sich den Angelegenheiten im Westen widmen, besonders dem Usurpator Magnentius, den auszuschalten er nun beabsichtigte. ZunĂ€chst dankte Vetranio ab â er beschloss sein Leben als wohlhabender Mann auf einem Landsitz â und öffnete Constantius damit den Weg nach Westen.
Danach konnte Constantius Magnentius noch im September 351 in der blutigen Schlacht bei Mursa (dem heutigen Osijek) besiegen.cite-ref-8[8] 54.000 Soldaten sollen dabei ums Leben gekommen sein. Constantius verkĂŒndete eine Amnestie, von der nur die Soldaten ausgenommen wurden, die an der Ermordung Constansâ beteiligt waren. Magnentius zog sich nach Gallien zurĂŒck, wo Constantius ihn 353 in der Schlacht am Mons Seleucus endgĂŒltig besiegte. Der Usurpator nahm sich daraufhin im August 353 das Leben, womit Constantius II. die faktische Herrschaft ĂŒber das Gesamtreich erlangte.cite-ref-9[9] Seine Siege im BĂŒrgerkrieg lieĂ Constantius unter anderem durch die Errichtung von Triumphbögen feiern. Auch wenn der Kaiser dafĂŒr von dem Historiker Ammianus Marcellinus, unserer wichtigsten Quelle fĂŒr diese Zeit, scharf kritisiert wurde (schlieĂlich waren dies keine Siege ĂŒber Barbaren, sondern ĂŒber Römer),cite-ref-10[10] so verschaffte sich Constantius dadurch erheblichen Handlungsspielraum und verwirklichte auch die von vielen Römern erwartete Reichseinheit.
WĂ€hrend des BĂŒrgerkriegs drangen Franken ĂŒber den Rhein vor, da Magnentius die dortigen Grenzbefestigungen von Truppen entblöĂt hatte, um diese EliteverbĂ€nde gegen Constantius einzusetzen. Die Franken fassten am linksrheinischen Ufer langsam FuĂ, doch ging die gröĂte Gefahr von den 352 in das Imperium eingebrochenen Alamannen aus. Die Rheingrenze musste vorlĂ€ufig aufgegeben werden und germanische StĂ€mme zogen noch jahrelang plĂŒndernd durch Gallien. Von 354 bis 356 fĂŒhrte Constantius FeldzĂŒge gegen die StĂ€mme im Breisgau und im Bodenseegebiet, die nicht ganz erfolglos waren, doch erst Julian gelang es, die Lage am Rhein mittelfristig zu stabilisieren. Constantius richtete nun spĂ€testens jetzt separate Sprengelkommandos fĂŒr das bewegliche Feldheer ein, so dass je einem magister militum ein Feldherr (in Gallien, dem Illyricum und an der Ostgrenze) unterstand; der Kaiser selbst behielt das Kommando ĂŒber die schlagkrĂ€ftige Hofarmee, wobei ihn zwei magistri militum unterstĂŒtzten.cite-ref-11[11]
Konflikte mit den Unterkaisern und zweiter Perserkrieg
Constantius widmete sich 354 dem Geschehen im Osten, denn dort kam der in Antiochia am Orontes residierende Constantius Gallus seinen Aufgaben nicht so nach, wie der Kaiser sich das gewĂŒnscht hatte. Im Gegenteil, Gallus brachte durch seinen selbstherrlichen Regierungsstil die BĂŒrger Antiochias, einer der gröĂten und bedeutendsten StĂ€dte des Reiches, die zu dieser Zeit noch regelmĂ€Ăig als Kaiserresidenz des Ostens diente, gegen sich auf. ZusĂ€tzlich scheint Gallus gemeinsam mit seiner politisch ambitionierten Frau Constantina darum bemĂŒht gewesen zu sein, eine möglichst groĂe UnabhĂ€ngigkeit, etwa im administrativen Bereich, vom Kaiserhof zu erlangen, was freilich im direkten Gegensatz zu den Vorstellungen Constantiusâ stand. Dieser bestand etwa darauf, dass der jeweilige PrĂ€torianerprĂ€fekt als höchstrangiger Zivilbeamter dem Kaiser direkt verantwortlich war. Gallus, der sogar den quaestor Montius und den PrĂ€fekten Domitianus ermorden lieĂ, wurde schlieĂlich nach Westen gelockt, seines Amtes enthoben und Ende des Jahres 354 hingerichtet.cite-ref-12[12]
Ein Problem ergab sich auch mit dem frĂ€nkischen Heermeister Silvanus, den Constantius mit der Sicherung der Rheingrenze beauftragt hatte. Silvanus wurde aufgrund von Intrigen am Kaiserhof in die Usurpation getrieben und musste in einem regelrechten âKommandounternehmenâ 355 beseitigt werden. Im gleichen Jahr setzte Constantius, der sich nun um die Probleme im östlichen Reichsteil wieder selbst kĂŒmmern wollte, den Halbbruder des Gallus, Julian, als Unterkaiser in Gallien ein. Die Einsetzung eines Blutsverwandten, trotz der mit Gallus gemachten Erfahrungen, war auch durch die dynastische Legitimation begrĂŒndet, die fĂŒr viele Soldaten von Bedeutung war. Wenngleich Ammianus den Kaiser fĂŒr sein Misstrauen kritisierte, so war dieses seitens Constantius durchaus nicht immer unangebracht; zu oft hatte der Kaiser illoyales Verhalten erleben mĂŒssen.cite-ref-13[13]
Constantius hielt sich in diesen Jahren dennoch des Ăfteren im Westen auf. Eindrucksvoll war etwa sein Rombesuch 357, ĂŒber den Ammianus recht ausfĂŒhrlich berichtet.cite-ref-14[14] Ammianus berichtet, dass Constantius bei dem Rombesuch starr wie eine Statue auf seinem Triumphwagen stand und praktisch keine Regung zeigte. Dies wie auch das immer strenger werdende Hofzeremoniell standen im Zusammenhang mit Constantiusâ christlich-kaiserlichem SelbstverstĂ€ndnis. Demnach war der Kaiser nicht einfach ein Mensch, sondern vor allem ein Symbol, das den Menschen absichtlich entrĂŒckt war. Der Weg zum âbyzantinischen Kaisertumâ beginnt denn auch mit der Herrschaft des Constantius.
Julian fĂŒhrte derweil in Gallien sehr erfolgreich Krieg. 357 besiegte er in der Schlacht von Argentoratum die Alamannen. Er machte auch die linksrheinischen Franken (Salfranken) zu römischen Foederaten und siedelte sie in Toxandria an, einem Gebiet zwischen Schelde, Dijle und Maas. Die Franken versprachen dafĂŒr, den Grenzschutz mitzuĂŒbernehmen. Julian warf die anderen germanischen StĂ€mme ĂŒber die Rheingrenze zurĂŒck, die nun noch einmal gesichert werden konnte. Dabei muss jedoch betont werden, dass Julian wohl im Einvernehmen und nicht ohne Einflussnahme durch Constantius operierte. So hatte der Kaiser auch den Heermeister Marcellus, der Julian bei der Belagerung von Senonae seine UnterstĂŒtzung versagt hatte, durch den General Severus ablösen lassen. Trotz gegenteiliger Behauptungen in den Quellen war also Constantius durchaus bestrebt, seinen Caesar so weit wie möglich zu unterstĂŒtzen, wobei er andererseits aufgrund seiner Erfahrungen mit Gallus darauf bedacht war, dass Julian nicht zu ĂŒbermĂŒtig wurde. Die bereits vorher bestehenden Spannungen verschĂ€rften sich mit der Zeit jedoch. Dazu trug bei, dass Constantiusâ Frau Eusebia, die er 352/53 geheiratet hatte und die als ausgesprochene Schönheit beschrieben wird, im Jahr 360 starb. Sie soll einigen Einfluss auf den Kaiser gehabt haben und diente wohl auch als Vermittlerin zwischen Constantius und Julian, auch wenn in der neueren Forschung teils die Ansicht vertreten wird, dass Eusebia eher im Auftrag ihres Mannes agierte.cite-ref-15[15] 359 berief Constantius mit Saturninius Secundus Salutius auch Julians wichtigste StĂŒtze im Bereich der zivilen Administration ab.
Auf dem Balkan kĂ€mpfte Constantius von 357 bis 359 gegen Quaden und Sarmaten, wobei ihm mehrere Erfolge gelangen. Im Osten ging jedoch weiterhin die ernsthafteste Bedrohung von den Persern aus. Es kam zunĂ€chst zu Verhandlungen mit Schapur II., der offenbar mit den Chioniten, die die Grenze Persiens im Osten bedroht hatten, fertiggeworden war. Ăber den Inhalt der Unterredungen berichtet Ammianus, wobei die ĂŒberlieferte Bruder-Anrede der beiden Monarchen recht bemerkenswert ist:
Ich, König der Könige, Sapor, GefÀhrte der Sterne, Bruder von Sonne und Mond, entbiete dem Caesar Constantius, meinem Bruder, alles Gute.
Antwort des römischen Kaisers: Ich, Sieger zu Wasser und zu Lande, Constantius, immer der erhabene Augustus, entbiete meinem Bruder, dem König Sapor, alles Gute.cite-ref-16[16]
Schapur stellte 358 an Constantius die Forderung, den Sassaniden Mesopotamien und Armenien zu ĂŒberlassen, was der Kaiser ablehnte. 359 begann daraufhin die persische Invasion, auf die die Römer offenbar nicht vorbereitet waren. Die Sassaniden verfolgten eine neue Strategie: Sie wollten die starken römischen Grenzfestungen umgehen und direkt in die römische Provinz Syria einbrechen, zumal ein römischer ĂberlĂ€ufer namens Antoninus sie zum Angriff ermutigte. Dennoch waren die Perser gezwungen, die wichtige Festung Amida zu belagern, die erst nach 73 Tagen fiel. Schapurs Heer von angeblich 100.000 Mann hatte jedoch ebenfalls schwere Verluste erlitten.cite-ref-17[17] Bald darauf folgte die Eroberung der StĂ€dte Singara und Bezabde (heute: Cizre). Der gesamte Osten des Reiches geriet in helle Aufregung, der bisherige Befehlshaber Ursicinus, der schon vorher dem Heermeister Sabinianus unterstellt worden war, wurde abberufen und Constantius zog eiligst Truppen zusammen.
Die Erhebung Julians und der Tod Constantiusâ II.
Das römische Heer war auch nach den KĂ€mpfen 359/60 gegen die Perser weiterhin intakt, dennoch war die Lage so ernst, dass Constantius Befehl gab, zusĂ€tzliche Truppen aus dem Westen nach Osten zu verlegen, um die Grenze zu sichern. Daraufhin revoltierten im FrĂŒhjahr 360 die Truppen in Gallien und riefen Julian in Lutetia zum Kaiser aus. Nach Ammianus handelten die Truppen aus eigener Initiative, doch ist es wesentlich wahrscheinlicher, dass es sich hierbei um einen von Julian inszenierten Akt und um eine schlichte Usurpation handelte.cite-ref-18[18]
Zum zweiten Mal, nach dem Aufstieg und dem Fall des Gallus, machte sich hier ein Strukturproblem im Herrschaftssystem des Constantius bemerkbar: Aufgrund der zahlreichen Krisenherde und der GröĂe des Reiches war es mittlerweile unumgĂ€nglich geworden, âUnterkaiserâ einzusetzen und mit recht weitreichenden Kompetenzen auszustatten. Wie schon Gallus vor ihm war Julian jedoch nicht bereit, nur den Juniorpartner zu spielen, sondern wollte ebenfalls ein gleichberechtigter Mitkaiser sein. Da Constantius ihm dies verwehrte, fasste Julian den Entschluss, seine Truppen gegen den Kaiser zu entsenden. In der bevorstehenden militĂ€rischen Auseinandersetzung kam Constantius zugute, dass sich Schapur, dem es nicht gelungen war, in die Kerngebiete Syriens vorzudringen, schlieĂlich doch noch zurĂŒckgezogen hatte. ZusĂ€tzlich versicherte sich Constantius der Treue der christlichen Könige von Armenien und Iberien.
Julian, der zunĂ€chst gegen die Alamannen vorgehen musste, rĂŒckte im FrĂŒhjahr 361 mit seinen gallischen Truppen in drei HeeressĂ€ulen vor. Sie trafen kaum auf Widerstand und erreichten bald die Donau. Sirmium, eine der wichtigsten römischen Festungen in diesem Raum, wurde im Handstreich genommen. Allerdings waren diese Erfolge kaum ausschlaggebend, denn noch verfĂŒgte Constantius ĂŒber das kampfstarke Ostheer. Da verstarb Constantius am 3. November 361 in Kilikien, geschwĂ€cht vom Fieber und den Strapazen der vergangenen Jahre. Angeblich hatte der Kaiser auf dem Sterbebett Julian zu seinem Nachfolger bestimmt, was jedoch sehr umstritten und eher unwahrscheinlich ist. Julian ĂŒberfĂŒhrte Constantius, schon um die Form zu wahren, mit allen Ehren nach Konstantinopel, wo der Leichnam beigesetzt wurde. Constantia, die Tochter von Constantiusâ dritter Frau Faustina, sollte spĂ€ter die Frau Kaiser Gratians werden.
Religionspolitik
Die spĂ€tantiken Kaiser ab Konstantin (abgesehen von Julian, dem letzten heidnischen Kaiser des Gesamtreiches) hatten immer wieder mit theologischen Streitigkeiten zu kĂ€mpfen. Im Zentrum stand dabei die Frage nach dem Wesen Christi: Bereits in der Zeit Konstantins war der sogenannte arianische Streit ausgebrochen. Arius, ein Presbyter aus Alexandria, hatte verkĂŒndet, dass es eine Zeit gegeben habe, in der der göttliche Sohn nicht existiert habe. Der Sohn sei nicht wesensgleich (hom[o]ousios) mit Gott Vater, wie von der Mehrheit der Kirche auf dem Konzil von Nicaea 325 im Bekenntnis von NicĂ€a anerkannt wurde, sondern nur wesensĂ€hnlich (homoi[o]usios). Ariusâ Lehre, die von der Mehrheit der Bischöfe als hĂ€retisch verdammt worden war, fand im Westen des Römischen Reiches kaum Resonanz, war jedoch im Ostteil des Reiches recht populĂ€r, da die dort mehrheitlich origenistische Theologie das Hypostasen-Modell und den Subordinatianismus mit Arius teilte. Zudem erfasste der Streit auch breite Schichten der Bevölkerung, die nicht zuletzt darum besorgt waren, der fĂŒr ihr Seelenheil ârichtigenâ Richtung anzuhĂ€ngen.
Constantius, zuerst nahezu zwanzig Jahre Kaiser im östlichen Reichsteil, stand zunĂ€chst entschieden auf der Seite der origenistisch geprĂ€gten Theologie des Ostens: Bereits 338 hatte er den nicĂ€ischen Bischof von Konstantinopel, Paulus, ins Exil geschickt und ihn durch den Origenisten Eusebius von Nikomedia ersetzt. Die Bezeichnung âArianerâ ist problematisch, da unter ihr oft ganz verschiedene religiöse Strömungen des Christentums zusammengefasst werden. Vereinfacht kann man sagen, dass diese das Nicaenum, das Bekenntnis von NicĂ€a, ablehnten.
Die Reichssynode von Serdica (342), welche die beiden BrĂŒder Constans (Kaiser des westlichen Reichsteils) und Constantius in Serdica, dem heutigen Sofia, zusammenriefen, um die Einheit der Kirche im Römischen Reich wiederherzustellen, wurde ein Fiasko. Die Bischöfe des Ostens weigerten sich, an gemeinsamen Sitzungen der Reichssynode teilzunehmen, solange der abgesetzte Bischof von Alexandria, Athanasius, und Marcellus von Ankyra anwesend waren, die mit den Teilnehmern aus dem weströmischen Reichsteil angereist waren, da beide durch Synoden verurteilt und abgesetzt worden seien â Athanasius 335 durch die Synode von Tyros, Marcellus im Jahre 336 durch die Synode von Konstantinopel. Die Bischöfe des Westens wiederum beharrten darauf, die beiden seien von einer römischen Synode 341 rehabilitiert worden. Die Bischöfe aus Constantiusâ östlichem Reichsteil versammelten sich daher im kaiserlichen Palast, wĂ€hrend die westlichen Bischöfe in die Stadtkirche eingezogen waren. Nachdem auf der Synode bald die Nachricht eintraf, dass Kaiser Constantius eine Schlacht gegen ein Heer des sassanidischen Herrschers Schapur II. gewonnen habe, brachen die östlichen Bischöfe die Verhandlungen ab und verlieĂen die Synode und Serdica, wĂ€hrend die westlichen Bischöfe unter Leitung von Ossius von CĂłrdoba die Reichssynode einfach fortsetzten.cite-ref-19[19] Zuvor hatten sich allerdings beide Gruppierungen gegenseitig exkommuniziert.
350 wurde Constans, der Kaiser des Westens, vom Usurpator Magnentius ermordet. Dieser unterlag im nachfolgenden Krieg gegen Constantius II. und nach dem Suizid des Usurpators im Jahre 353 wurde Constantius damit Alleinherrscher und plante ein neues Glaubensbekenntnis als Kompromissformel fĂŒr die ganze Kirche im Römischen Reich. Constantius berief Konzilien ein in Arles (353), Mailand (355) und Beziers (356), in denen er die Verurteilung des Athanasius unter Gewaltandrohung durchsetzte.
Auf dem Konzil von Sirmium (357) wurde ein Bekenntnis verfasst, das durchweg die Subordination Jesu unter den Vater vertrat. Constantius favorisierte schlieĂlich die Homöer, die sich mit den Homöusianern im Mai 359 auf einer weiteren Synode von Sirmium verstĂ€ndigten, beides Strömungen in der Tradition origenistischer Theologie der âMittelgruppeâ, dass der Sohn dem Vater Ă€hnlich entsprechend der Heiligen Schrift sei. Der Kaiser entschied sich damit gegen die in den spĂ€ten 350er Jahren aufkommenden âradikalen Neu-Arianerâ um Aetios und Eunomius, die sogenannten Heterousianer. Doch schon bald kam es auch zwischen Homöern und Homöusianern wieder zum Streit. Auf Synoden in Ariminum und Seleukia in Isaurien sowie Konstantinopel (359), abschlieĂend 360 in Konstantinopel unter Regie von Constantius wurde Jesus schlieĂlich allgemein verbindlich ohne weitere strittige Details als dem Vater Ă€hnlich (»homoiousios«, mit zusĂ€tzlichem Iota) wie nach den heiligen Schriften bezeichnet.cite-ref-20[20] Doch wurde dies vor allem im Westen als unertrĂ€gliche ZwangsmaĂnahme interpretiert, gegen die sich erheblicher Widerstand formierte. Dennoch muss betont werden, dass sich zur Zeit des Constantius, anders als zu Zeiten Theodosiusâ des GroĂen, eben noch keine vorherrschende christliche Glaubensrichtung herausgebildet hatte, was die kaiserliche Religionspolitik erheblich erschwerte. Zwar hatten beim Tod des Constantius die âHomöerâ wichtige BischofsstĂŒhle besetzt, doch war dies nur scheinbar ein Erfolg, denn der Kaiser hatte ihn durch Androhung und sogar Anwendung staatlicher Gewalt erzwungen.
Im Westen hatten Konstantin II. und Constans bis zu ihrem Tod hingegen die AnhĂ€nger des Nicaenums unterstĂŒtzt, im Osten weigerte sich die Mehrheit der Bischöfe wiederum, den Vorrang Roms in Glaubensfragen anzuerkennen.
In diesem Zusammenhang kam es auch zum Konflikt zwischen dem Kaiser und Athanasios, dem streitbaren, aber charismatischen Bischof von Alexandria, der energisch und teilweise rĂŒcksichtslos gegen alle tatsĂ€chlichen und vermeintlichen âArianerâ Stellung bezog und dafĂŒr wiederholt ins Exil gehen musste, im Westen des Reiches aber UnterstĂŒtzer fand. 346 durften Athanasios und Paulus zurĂŒckkehren, nachdem sich Constantius und Constans notdĂŒrftig verstĂ€ndigt hatten; allerdings spielte dabei wohl auch der Umstand eine Rolle, dass die Perser an der Ostgrenze weiterhin fĂŒr Probleme sorgten. Nachdem Constantius Alleinherrscher geworden war, wurde Störenfried Athanasius 355 ein drittes Mal verbannt, der daraufhin zu Ă€gyptischen Mönchen flĂŒchten musste und erst unter Julian zurĂŒckkehren durfte.cite-ref-21[21]
Eine interessante Episode ist die âOrientmissionâ, die in den 40er Jahren des 4. Jahrhunderts unternommen wurde: Wohl auch mit dem Ziel, die durch die Sassaniden unterbrochenen Handelsverbindungen nach Indien wiederzubeleben, wurde der Missionar Theophilos von Constantius nach Osten entsandt. Er gelangte nach SĂŒdarabien, vielleicht sogar bis nach Vorderindien und kehrte schlieĂlich ĂŒber Aksum in das Reich zurĂŒck. In Aksum, mit dessen Negus Ezana Constantius wohl sogar in Kontakt stand, breitete sich das Christentum ebenso aus wie unter den Goten: Wulfila fertigte eine BibelĂŒbersetzung (die sogenannte Wulfilabibel) ins Gotische an, fĂŒr die er eine eigene Schrift aus griechischen Buchstaben schuf.
GegenĂŒber dem Heidentum nahm Constantius, der offenbar den christlichen Glauben ernst nahm, eine ablehnende Position ein, was sich etwa am Verbot nĂ€chtlicher Opfer,cite-ref-22[22] dem Verbot heidnischer Kultecite-ref-23[23] und der SchlieĂung der heidnischen Tempel ablesen lĂ€sst. Ebenso kam es teilweise zur Zerstörung von Tempeln, die aber nicht von Constantius angeordnet waren, sondern auf das Konto lokaler Statthalter oder Bischöfe gingen. Nach seinem Rombesuch schwĂ€chte der Kaiser seine diesbezĂŒgliche Politik etwas ab, auch wenn beispielsweise der Victoriaaltar aus dem Senat entfernt wurde. Seine Haltung gegenĂŒber den Heiden war aber in vielerlei Hinsicht eher reagierend als aggressiv bekĂ€mpfend, zumal die heidnischen Kulte selbst zunehmend an Anziehungskraft einbĂŒĂten. Unter Constantius konnten Heiden durchaus auch hohe Posten bekleiden. Constantius lieĂ sich erst am Sterbebett vom arianischen Bischof Euzoius von Antiochia taufen.cite-ref-24[24]
Bewertung
Die Regierungszeit des Constantius wurde, gerade vor dem Hintergrund der Darstellung des Ammianus Marcellinus, der im Hinblick auf Constantius viel von seiner sonstigen ObjektivitĂ€t einbĂŒĂt, oft sehr negativ bewertet (so noch Joseph Bidez in seiner bekannten Julian-Biografie). Dieses Bild ist jedoch in Frage gestellt und teilweise zurechtgerĂŒckt worden.cite-ref-25[25] In der Wahl seiner Mitarbeiter hatte Constantius nicht immer die richtige Entscheidung getroffen. Besonders der OberkĂ€mmerer Eusebius gewann groĂen Einfluss am Hof und war in mehrere Hofintrigen involviert. Gegen Verschwörungen ging der Kaiser denn auch teils mit Ă€uĂerster HĂ€rte vor. Ob allerdings die Behauptung Ammianusâ, dass der Kaiser den Höflingen und Frauen, wie der Kaiserin Eusebia, zu viel Gehör schenkte,cite-ref-26[26] so zutreffend ist, ist nicht eindeutig zu beantworten. Eine hilflose Marionette war er sicherlich nicht, allerdings spielte der Hof eine zentrale Rolle in der Regierungsarbeit des Kaisers. Unsicher ist, ob Constantius wirklich, wie von Ammianus berichtet, die Steuern drastisch erhöhte. Dieser Vorwurf passt vielmehr zum Topos des Tyrannen, als den Ammianus den Kaiser sehen wollte â nicht zuletzt, um so Julian, den Ammianus bewunderte, in ein noch besseres Licht zu rĂŒcken.cite-ref-27[27] Die Tatsache, dass Ammianus unsere Hauptquelle fĂŒr die Regierungszeit des Constantius darstellt, ist in diesem Kontext nur wenig hilfreich.
Constantiusâ Religionspolitik war letztendlich nicht erfolgreich, in der AuĂenpolitik jedoch gelang dem Kaiser eine weitgehende Stabilisierung der Grenzen, zumal er den GroĂteil seiner Regierungszeit nicht ĂŒber die Truppen aus dem westlichen Reichsteil verfĂŒgen konnte. Dabei vermied der Kaiser militĂ€rische Abenteuer und gab im Osten einer defensiven Strategie den Vorzug. Vergleicht man dies mit der von Ammianus eher bevorzugten Offensivpolitik Julians, die in der Katastrophe des Persienfeldzugs 363 und dem darauffolgenden Verlustfrieden endete, war dies wohl das klĂŒgere Vorgehen. Zudem sollte die Interpretation des Kaisers als Imperator christianissimus, was etwa das Hofzeremoniell oder die Rolle des Kaisers in Religionsfragen betrifft, die weitgehend auf Constantius zurĂŒckgeht, Modellcharakter fĂŒr die Zukunft haben. Weiterhin erhöhte Constantius im Zusammenhang mit der Usurpation des Magnentius um 350 das Prestige des Senats von Konstantinopel, dessen Mitglieder nun die gleichen Privilegien genossen wie die Senatoren in Rom. Auch die Hochschule von Konstantinopel wurde vom Kaiser gefördert.
Constantius war sicher kein VisionĂ€r, doch wollte er die Einheit des Reiches bewahren. In diesem Kontext ist auch seine Religionspolitik zu bewerten. Dass er nicht all seine Ziele erreichen konnte und oft genug schwere RĂŒckschlĂ€ge hinnehmen musste, sollte nicht verdecken, dass Constantius ein durchaus fĂ€higer, von der WĂŒrde seines Amtes durchdrungener und bedachter Kaiser war. Selbst als Julian sich erhob, verfiel Constantius nicht in Panik; dabei ist auch keineswegs sicher, ob Julian in einem Kampf gegen das Ostheer den Sieg errungen hĂ€tte. Auch Ammianus musste eingestehen, dass der Kaiser etwa bei der Vergabe von Ămtern und WĂŒrden umsichtig vorging und auch das MilitĂ€r nicht vernachlĂ€ssigte.cite-ref-29[29] Mehr noch: Dort wo Julian nicht beteiligt ist und der Kaiser nicht seine Defensivpolitik gegenĂŒber den Persern verfolgt, ist Ammianus sogar gewillt, Constantiusâ militĂ€rische FĂ€higkeiten anzuerkennen, wie das Beispiel des Sarmatenfeldzugs von 358 zeigt.cite-ref-30[30]
Constantius hatte schon bei seinem Regierungsantritt den schwierigsten Reichsteil ĂŒbernommen, der nicht nur von den Persern bedroht, sondern auch im Inneren zerstritten war. Konfrontiert mit zahlreichen Ă€uĂeren Aggressoren, Usurpationen und theologischen Streitigkeiten, ist Constantius II. trotz aller Widrigkeiten nicht ohne Erfolge geblieben und war als Herrscher nicht so schwach, wie ihn manche Quellen beschreiben.
Quellen
Die wichtigste erzĂ€hlende Quelle (ab 353) ist Ammianus Marcellinus, der unter anderem als Offizier an den KĂ€mpfen in Mesopotamien teilnahm und detailliert, wenn auch gegenĂŒber Constantius nicht immer vorurteilsfrei, sowohl ĂŒber die KĂ€mpfe gegen die Perser als auch ĂŒber die Ereignisse im Westen Auskunft gibt. Daneben berichten unter anderem die Epitome de Caesaribus, Aurelius Victor, Festus, Eutrop, Zosimos, einige Kirchenhistoriker (darunter der Arianer Philostorgios) sowie mehrere byzantinische Autoren (zum Beispiel Johannes Zonaras, der teils auf heute verlorene Quellen zurĂŒckgriff) ĂŒber die Regierungszeit des Constantius. Ebenso finden sich in den Reden Libaniosâ, Themistiosâ und Julians teils Hinweise auf Geschehnisse dieser Zeit. Die Darstellung des Kaisers in den Kirchengeschichten ist in der Regel wenig gĂŒnstig, da Constantius, wie oben schon erwĂ€hnt, dem âArianismusâ anhing. Insgesamt wird der Kaiser in den Quellen eher negativ dargestellt (wenn auch nicht durchgehend), eine Beurteilung, welche die moderne Forschung (siehe oben) allerdings mehrheitlich nicht mehr teilt.
âą Michael H. Dodgeon, Samuel N. Lieu: The Roman Eastern Frontier and the Persian Wars (AD 226â363). Routledge, London 1991 (mehrere Nachdrucke), ISBN 0-415-10317-7 (Englisch ĂŒbersetzte Quellenausschnitte. Von Bedeutung vor allem bezĂŒglich der römisch-persischen Kampfhandlungen.)
Literatur
âą Nicholas Baker-Brian: The Reign of Constantius II. Routledge, New York 2023, ISBN 978-1-03-201042-7.
âą Nicholas J. Baker-Brian, Shaun Tougher (Hrsg.): The Sons of Constantine, AD 337â361. In the Shadows of Constantine and Julian. Palgrave Macmillan, New York 2020, ISBN 978-3-030-39900-9.
âą Pedro BarcelĂł: Constantius II. und seine Zeit. Die AnfĂ€nge des Staatskirchentums. Klett-Cotta, Stuttgart 2004, ISBN 3-608-94046-4. (Grundlegendes Werk, da es sich um die erste Biografie Constantiusâ II. handelt.)
âą Roger C. Blockley: Ammianus Marcellinus on the Persian Invasion of A. D. 359. In: Phoenix. Band 42, 1988, S. 244â260.
âą Steffen Diefenbach: Constantius II. und die âReichskircheâ â ein Beitrag zum VerhĂ€ltnis von kaiserlicher Kirchenpolitik und politischer Integration im 4. Jh. In: Millennium. Band 9, 2012, S. 59â121.
âą Richard Klein: Constantius II. und die christliche Kirche (= Impulse der Forschung. Band 26). Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1977, ISBN 3-534-07542-0.
âą Hartmut Leppin: Constantius II. und das Heidentum. In: Athenaeum. Band 87, 1999, S. 457â480.
âą Pierre Maraval: Les Fils de Constantin. CNRS Ăditions, Paris 2013, ISBN 978-2-271-07506-2.
âą Jacques Moreau: Constantius II. In: Jahrbuch fĂŒr Antike und Christentum. Band 2, 1959, S. 160 ff.
âą Muriel Moser: Emperor and Senators in the Reign of Constantius II: Maintaining Imperial Rule between Rome and Constantinople in the Fourth Century AD. Cambridge University Press, Cambridge 2018, ISBN 978-1-108-48101-4.
âą Karin Mosig-Walburg: Zur Schlacht bei Singara. In: Historia. Band 48, 1999, S. 330â384.
âą David S. Potter: The Roman Empire at Bay. 180â395. Routledge, London/New York 2004, ISBN 0-415-10058-5.
âą Klaus Rosen: Julian. Kaiser, Gott und Christenhasser. Klett-Cotta, Stuttgart 2006, ISBN 3-608-94296-3. (Umfangreiche Biografie Julians, die auch auf Constantius II. eingeht.)
âą Otto Seeck: Constantius 4. In: Paulys RealencyclopĂ€die der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band IV,1, Stuttgart 1900, Sp. 1044â1094 (grundlegend, aber veraltet).
âą Ernst Stein: Geschichte des spĂ€trömischen Reiches. Band 1, Wien 1928 (französisch 1959; teils ĂŒberholte, aber ĂŒberaus faktenreiche und quellennahe Darstellung).
âą Michael Whitby: Images of Constantius. In: Jan W. Drijvers u. a. (Hrsg.): The late Roman world and its historian. Interpreting Ammianus Marcellinus. Routledge, London 1999, ISBN 0-415-20271-X, S. 77â88.
Weblinks
Commons
: Constantius II.
â Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
âą Michael DiMaio, Jr. und Robert Frakes: Kurzbiografie (englisch) bei De Imperatoribus Romanis (mit Literaturangaben)
âą Michel Mulder: Ammianus Marcellinus about Constantius II. In: Ammianus Marcellinus Online Project.
Anmerkungen
cite-note-11. Die Inschrift VOT/XX (Votis Vicennalibus d. h. GlĂŒckwĂŒnsche zum 20sten JubilĂ€um) im Labarum deutet auf das 20-jĂ€hrige Caesaren-JubilĂ€um und somit das PrĂ€gejahr 344 (324+20) hin.
cite-note-22. â Vgl. Richard Burgess: The Summer of Blood. The âGreat Massacreâ of 337 and the Promotion of the Sons of Constantine. In: Dumbarton Oaks Papers. Band 62, 2008, S. 5â51.
cite-note-33. â Vgl. Richard Klein, Die KĂ€mpfe um die Nachfolge nach dem Tode Constantins des GroĂen, in: Richard Klein, Roma versa per aevum. AusgewĂ€hlte Schriften zur heidnischen und christlichen SpĂ€tantike (Spudasmata 74), herausgegeben von Raban von Haehling und Klaus Scherberich, Hildesheim/ZĂŒrich/New York 1999, S. 1â49, der gegen Constantius als Verantwortlichen argumentiert.
cite-note-55. â Zosimos 2,42.
cite-note-66. â Vgl. Joseph Bidez, Kaiser Julian, Hamburg 1956, S. 45.
cite-note-77. â Grundlegend dazu: Mosig-Walburg, Zur Schlacht bei Singara; zu der IdentitĂ€t des persischen Prinzen siehe Dieselbe, Zu Spekulationen ĂŒber den sasanidischen âThronfolger NarsĂȘâ und seine Rolle in den sasanidisch-römischen Auseinandersetzungen im zweiten Viertel des 4. Jahrhunderts n. Chr., in: Iranica Antiqua 35 (2000), S. 111â157. Allgemein zu den KĂ€mpfen zwischen Römern und Persern in der Regierungszeit Constantiusâ II. vgl. Dodgeon und Lieu, The Roman Eastern Frontier and the Persian Wars, S. 164ff.
cite-note-88. â Mark Humphries: The Memory of Mursa. Usurpation, Civil War, and Contested Legitimacy under the Sons of Constantine. In: N. Baker-Brian, S. Tougher (Hrsg.): The Sons of Constantine, AD 337â361. In the Shadows of Constantine and Julian. New York 2020, S. 157â183.
cite-note-99. â Allgemein zur Usurpation des Magnentius siehe John F. Drinkwater, The revolt and ethnic origin of the usurper Magnentius (350â353), and the rebellion of Vetranio (350), in: Chiron 30 (2000), S. 131â159. Zu Vetranio siehe Bruno Bleckmann, Constantina, Vetranio und Gallus Caesar, in: Chiron 24 (1994), S. 29â68. Einen detaillierten Bericht liefert auch Otto Seeck, Geschichte des Untergangs der antiken Welt, Bd. 4, 1920, S. 92ff.
cite-note-1010. â Ammian 21,16,15.
cite-note-1111. â Vgl. Hugh Elton: The Roman Empire in Late Antiquity. A Political and Military History. Cambridge 2018, S. 73.
cite-note-1212. â Vgl. dazu Bruno Bleckmann, Constantina, Vetranio und Gallus Caesar, in: Chiron 24 (1994), S. 29â68 und Pedro BarcelĂł: Caesar Gallus und Constantius II., ein gescheitertes Experiment?, in: Acta Classica XLII (1999), S. 23â34.
cite-note-1313. â Vgl. Hugh Elton: The Roman Empire in Late Antiquity. A Political and Military History. Cambridge 2018, S. 74.
cite-note-1414. â Ammian 16,10. Siehe auch Richard Klein, Der Rombesuch des Kaisers Constantius II. im Jahre 357, in: Richard Klein, Roma versa per aevum. AusgewĂ€hlte Schriften zur heidnischen und christlichen SpĂ€tantike (Spudasmata 74), herausgegeben von Raban von Haehling und Klaus Scherberich, Hildesheim/ZĂŒrich/New York 1999, S. 50â71.
cite-note-1515. â Vgl. Shaun Tougher, The Advocacy of an Empress. Julian and Eusebia, in: The Classical Quarterly New Series 48 (1998), S. 595â599. Aus der Vielzahl der Julianbiografien sei hier die von Klaus Rosen empfohlen (Klaus Rosen: Julian. Kaiser, Gott und Christenhasser. Stuttgart 2006), die Julian teils recht kritisch bewertet.
cite-note-1616. â Ammian 17,5. Ăbersetzung entnommen aus: Ammianus Marcellinus, Das Römische Weltreich vor dem Untergang. Bibliothek der Alten Welt, ĂŒbersetzt von Otto Veh, eingeleitet und erlĂ€utert von Gerhard Wirth, ZĂŒrich und MĂŒnchen 1974.
cite-note-1717. â Ammianus war selbst wĂ€hrend der KĂ€mpfe und dem Fall Amidas anwesend und entkam nur mit knapper Not. Er hat uns einen detaillierten Bericht ĂŒber die KĂ€mpfe hinterlassen: Ammian 18,7ff. und 19,1ff. Vgl. auch John F. Matthews: The Roman Empire of Ammianus. London 1989, S. 57ff.
cite-note-1818. â Vgl. unter anderem Klaus Rosen, Beobachtungen zur Erhebung Julians 360-361 n.Chr., in: Richard Klein (Hrsg.), Julian Apostata, Darmstadt 1978, S. 409â447; Joachim Szidat, Die Usurpation Julians. Ein Sonderfall?, in: François Paschoud und Joachim Szidat (Hrsg.), Usurpationen in der SpĂ€tantike, Stuttgart 1997, S. 63â70.
cite-note-1919. â Franz DĂŒnzl: Kleine Geschichte des trinitarischen Dogmas in der Alten Kirche. Freiburg (Breisgau) u. a. 2006, S. 90; Pedro BarcelĂł: Constantius II. und seine Zeit. Die AnfĂ€nge des Staatskirchentums. Stuttgart 2004, S. 84; Stefan Klug: Alexandria und Rom. Die Geschichte der Beziehungen zweier Kirchen in der Antike. MĂŒnster/Westfalen 2014, S. 203.
cite-note-2020. â Wolf-Dieter Hauschild, Volker Henning Drecoll: Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte. Band 1. Alte Kirche und Mittelalter. 5., vollstĂ€ndig ĂŒberarbeitete Neuausgabe. GĂŒtersloh 2016, S. 93.
cite-note-2121. â Dazu siehe Timothy D. Barnes, Athanasius and Constantius: Theology and Politics in the Constantinian Empire, Cambridge/Mass. 1993.
cite-note-2222. â Codex Theodosianus 16,10,15
cite-note-2323. â Codex Theodosianus 16,10,6.
cite-note-2424. â Zur Religionspolitik Constantiusâ vgl. Klein, Constantius II. und die christliche Kirche. Zur Politik gegenĂŒber den Heiden siehe vor allem Leppin, Constantius II. und das Heidentum.
cite-note-2525. â Vgl. etwa Arnold Hugh Martin Jones, The Later Roman Empire, Bd. 1, Baltimore 1986 (ND von 1964), S. 116â118. Siehe nun auch Pedro BarcelĂł, Constantius II. und seine Zeit. Vgl. dazu auch die entsprechende Plekos-Rezension.
cite-note-2626. â Ammian 21,16,16.
cite-note-2727. â Ammian 21,16,17. Vgl. dazu Timothy D. Barnes, Ammianus Marcellinus and the Representation of Historical Reality, Ithaca 1998, S. 134.
cite-note-282. Dazu Claudia Wölfel: Mythos und politische Allegorie auf Tafelsilber der römischen Kaiserzeit. Dissertation Freie UniversitÀt Berlin, Berlin 1996, S. 18 (Digitalisat).
cite-note-2929. â Ammian 21,16,1f. Zur negativen Charakterisierung des Kaisers vgl. Barnes, Ammianus Marcellinus, S. 132â138, sowie Whitby, Images of Constantius.
cite-note-3030. â Ammian 17,12f.